Grußbotschaft von Elfriede Jelinek

Ungeordneter Vorzug


Zeus, ein Gott, der jede beliebige Gestalt annehmen kann und natürlich auch angenommen hat, um sich einer Frau zu nähern, hat aus Leda, einer Frau, also einem Säugetier, bei dem er als Schwan angedockt hat, einen Vogel gemacht, der Eier legt. Da er die Gestalt eines Entenvogels gewählt hat, mußte sich die Frau in ihrer Gestalt und Art natürlich nach ihm richten, um Eier legen und Kinder auf die Welt bringen zu können (von denen nur zwei von Zeus waren – ein kleiner Akt der Subversion? Oder eher Prädestination?). Die Definitionsmacht, was die Frau ist und was aus ihr wird, hat der Mann. Die Werke der Frau zählen nichts oder nur soviel, wie man ihr zumißt. Das ist eine betrübliche Tatsache, der auch ich mich irgendwann unterworfen habe, weil ich es mußte. Was das Werk der Frau ist, egal welches Werk, bestimmt die männliche, phallische Macht. Die Frau macht keine guten Erfindungen, sie nimmt diejenigen des Mannes auf, und diese Erfindungen, Produkte des Denkens, gut Erfundenes, wie Nietzsche es nennt, in dem man sich bergen könne wie „in des Weibes Busen: nützlich zugleich und angenehm“. In Deutschland hat sich ein weiblicher Schwan in ein Tretboot verliebt, dem er, etliche Jahre jetzt schon, treu anhängt, wie es die Vögel, außer Zeus, oft tun. Viele Vögel sind monogam. Der Schwan weicht dem Boot nicht von der Seite. Das Boot wird von ihm als männlicher Schwan definiert, der weibliche Schwan wird vom Boot überhaupt nicht definiert. Als Garnichts. Eine nette Abwechslung vom Üblichen.
Frauennetzwerke können, glaube ich, im besten Fall wie Wasser sein (die Eier würden irgendwann vielleicht zerbrechen, bevor noch was ausschlüpfen kann), das in die Felsspalten sickert und, wenn es friert, den Fels sprengen kann. Netzwerke sind auch etwas Gestricktes, etwas Gewirktes (Strick- und Wirkwaren stand früher auf Handarbeitsgeschäften), und bekanntlich sieht Freud ja in weiblicher Handarbeit (Flechten und Weben, was für ihn von der Verborgenheit des weiblichen Geschlechts herrührt) die einzige eigenständige Kulturleistung der Frau.  Also bitte, liebes Netzwerk Leda, wirken Sie! Ich warte sehr auf Ihre Wirkung! Ich kann sie gar nicht erwarten, die Wirkung! Alles, was hilft, die Wahrheit des eigenen Seins zu finden und sich sofort dorthin auf den Weg zu machen, ist richtig und nötig, auch wenn das eigene Sein nach dem geltenden Maßstab nicht viel wert ist. Der allgemeinen Heimatlosigkeit des Menschen, von Männern wie Frauen, kann nur dieser Aufbruch in die Wahrheitsfindung dienen. Und hat man seine Wahrheit gefunden, muß man sie dem Sein hinzufügen, denn das Sein der Menschen kann alles aufnehmen und braucht noch viel mehr, als es derzeit hat. Das Sein ist gierig. Das kann man ausnützen. Die männliche Totalität des Denkens, die derzeit noch Schriftführer ist (ich sage absichtlich nicht: Schriftführerin), nährt immer noch die männliche Selbsthauptung. Die läßt sich nicht rückgängig machen, man kann sie als denkende Frau nur indirekt spüren, erfahren, dafür braucht man aber ein Sensorium, kein Suspensorium. Der Mensch trägt, wie der Mann sein Geschlecht (die Frau auch, aber die muß es nicht tragen, weil sie es IST), aber immer auch gleichzeitig seinen eigenen Gegenentwurf in sich. Leda hätte auch Säugetier bleiben und lebende Junge zur Welt bringen können. Sie mußte sich aber nach ihrem Begatter richten, der damit gleichzeitig ihr Gatter aufgestellt hat (wenn Sie mir den Kalauer erlauben), durch das sie nur mit größter Mühe schlüpfen kann. So müssen die weiblichen Denker ihre eigene Wahrheit erzeugen, und mit der müssen sie sich dann hineinzwängen, wo das möglich ist. Sie können sich die Lücken und Spalten nicht aussuchen (wieder eine Metapher für ihr Geschlecht, von dem die Männer zwar besessen sind, aber Besitz an etwas Eigenem wollen sie der Frau nicht zugestehen. Das könnte am Konsumieren hindern), in die sie sich tropfenweise ergießen (ja, die Frauen dürfen das auch einmal: sich ergießen!, und nicht nur Wasser in die Kaffeemaschine), oder unter denen sie sich unterstellen, damit sie es nicht wieder abkriegen, was auch immer, aber sie können sie benützen, diese Lücken. Es bleibt ihnen, den Frauen, nur die Subversion. Aber wenn ein Gott sich in einen Vogel, einen Stier, eine Wolke verwandeln kann, dann können auch sie sich gegen ihren vorgegebenen Biologismus wehren und sich selbst zur Wahrheit rufen, die nicht Ordnung sein muß. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Versuchen, die Ordnung zu stören. Sie ist ohnehin nicht Ihre.